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Russland, Die Welt und Hulk – eine unglaubliche Geschichte

Für „Die Welt“ durfte sich der Sportjournalist Patrick Krull an der großen Politik versuchen – heraus gekommen ist ein Stück Meinungsmache, das alle journalistischen Standards über Bord wirft.
 
hulk-agaancia-brasil-wikimedia-cc-by-3-0-brasil

 

„Skandal vor der WM-Auslosung in Russland“, „Losfee Hulk ausgeladen“, „Wahrscheinlich aus einem bestimmten Grund, von wegen ‚Verpflichtungen‘“ – es ist schon ein gruseliges Stück voller Konjunktive und unbelegter Behauptungen, das Patrick Krull da in „Die Welt“ zu Papier gebracht hat. Doch was war eigentlich geschehen?

Glaubt man dem Autor, ist der brasilianische Stürmerstar Hulk vom russischen Fußballklub Zenit St. Petersburg das jüngste Opfer Wladimir Putins, der kritische Stimmen zum Schweigen bringen will. Denn eigentlich sollte Hulk als „Losfee“ bei der Auslosung der Qualifikationsgruppen für die WM 2018 in Russland dabei sein. „Doch dann sprach Hulk die Wahrheit. Nun wurde er ausgetauscht.“

Hulk hatte sich am vergangenen Montag zu einem Rassismusvorfall am ersten Spieltag der russischen Liga geäußert, bei dem der Ghanaer Emmanuel Frimpong die Affenrufe des Publikums mit dem Mittelfinger quittiert hatte und deshalb vom Platz gestellt worden war. Darauf angesprochen, gab Hulk seine Erfahrungen mit Rassismus zu Protokoll: „Das passiert in der russischen Liga in jedem Spiel. Früher habe ich mich aufgeregt. Heute werfe ich den Fans Küsse zu. Dennoch ist es eine Schande. Wenn das in drei Jahren ebenfalls passiert, wäre es hässlich und widerlich.“ Dass die FIFA wenige Tag später verkündete, Hulk würde entgegen der ursprünglichen Planung nicht für die Auslosung zur Verfügung stehen, lässt für Patrick Krull dann auch nur einen Schluss zu: „Weil unangenehme Wahrheiten im Putin-Reich nun mal Konsequenzen nach sich ziehen, ist davon auszugehen, dass Hulk kurzerhand ausgeladen wurde.“

Wen interessieren schon Fakten

Was Krull allerdings entgangen ist: Die FIFA und der russische Verband hatten Hulks Nominierung erst am 22. Juli, also zwei Tag nach seinen Äußerungen, verkündet. Wäre der Brasilianer tatsächlich in Ungnade gefallen, er wäre wohl gar nicht erst eingeladen worden. Im Übrigen wurde Hulk auch nicht ausgeladen. FIFA und Russisches Organisationskomitee erklärten übereinstimmend, der Stürmerstar habe aufgrund sportlicher Verpflichtungen absagen müssen. Hulk selbst ließ über die Website seines Klubs Zenit St. Petersburg verlauten, er bedauere es, nicht an der Auslosung teilnehmen zu können, da er am nächsten Tag im 2000 km entfernten Jekaterinburg ein Auswärtsspiel habe: „Long flight and time zone changes make it impossible for me to be presented. I would like to thank everyone in the Organizing Committee of the World Cup for the invitation again.”

Als am Samstag um 18:00 Uhr die Auslosung begann, saß Hulk dann auch längst im Flieger nach Jekaterinburg. Doch für Fakten scheint sich Patrick Krull nicht zu interessieren. Stattdessen kombiniert er munter weiter: „Hulk soll wohl mundtot gemacht werden“. Für Krull kann das nur „eine billige Retourkutsche eines um Anerkennung ringenden Regimes sein, dass jeden Kritiker mundtot machen will. Außerdem dürfte es ein abgekartetes Spiel zwischen Russland und der Putin wohlgesinnten Fifa-Führung gewesen sein.“ Quellen? Fehlanzeige. Patrick Krull verkauft dem Leser seine Meinung als Faktum und degradiert die Fakten zu bloßen Meinungen. Von der Trennung von Nachricht und Kommentar, dem Kern journalistischer Sorgfaltspflicht, hat er offenbar noch nie etwas gehört. Mit Journalismus hat das nichts zu tun.

Spekulation statt Recherche

Dabei hätte Krull gute Gründe gehabt, sich auf sein Handwerk zu besinnen und zu recherchieren. Denn der Vorgang wirft durchaus Fragen auf: Warum etwa nominierte die FIFA Hulk für die Auslosung, obwohl das Auswärtsspiel längst bekannt war? Offensichtlich war die Ernennung Hulks nicht mit seinem Klub Zenit St. Petersburg abgestimmt. Dass der Verein kein Interesse daran haben dürfte, in einer frühen Phase der Saison auf seine Torfabrik zu verzichten, leuchtet ein – dass die FIFA den Topstar der russischen Liga als Zugpferd für die WM in Russland an Bord haben will, ebenso. So gesehen ist sowohl Hulks Nominierung als auch Zenits Weigerung, den Stürmerstar freizustellen, alles andere als eine Überraschung. Es wäre wohl eher außergewöhnlich, hätte Hulk trotz sportlicher Verpflichtungen an der Auslosung teilgenommen – denn außer Hulk befand sich kein einziger der zwölf nominierten Sportler im regulären Spielbetrieb. Als „Die Welt“-Journalist wäre es für Patrick Krull ein leichtes gewesen, hierzu ein Statement von der FIFA und dem russischen Fußballverband einzuholen. Dass Krull darauf verzichtet, ist schade. Dass er sich dann aber in seinem Beitrag nicht mit den spärlichen Fakten begnügt, die ihm zur Verfügung stehen, sondern sich in wilden Spekulationen verfängt, die er auch noch zu Fakten umdeutet, kommt einem journalistischen Offenbarungseid gleich.

Leider steht Patrick Krull mit seinem Beitrag nicht alleine da. Es ist bemerkenswert, mit welchem Gleichklang sich die Meldung von der vermeintlichen Ausladung Hulks in der deutschen Medienlandschaft wiederfindet. Ob explizit im Focus und B.Z. oder implizit in der Süddeutschen Zeitung und im ZDF, sie alle stellen mehr oder weniger unverhohlen einen Zusammenhang zwischen den Aussagen Hulks und der Absage her, ohne dabei jedoch auf das Paradoxon hinzuweisen, dass Hulk ja gerade erst nach seinem Statement nominiert wurde. Das aber ist Wasser auf die Mühlen derer, die den Medien in Deutschland einseitige Stimmungsmache gegen Russland vorwerfen. Seinem Berufstand hat Patrick Krull mit seinem Beitrag jedenfalls einen Bärendienst erwiesen.

Hulk selbst dürfte vom Getöse im deutschen Blätterwald übrigens wenig mitbekommen haben. Mit zwei Toren war der bullige Stürmer maßgeblich am 4:1-Sieg seiner Mannschaft bei Ural Jekaterinburg beteiligt. Von rassistischen Übergriffen ist nichts bekannt – denn dafür bedürfte es Journalisten, die recherchieren. Von Patrick Krull und der Welt können wir das wohl kaum erwarten.

 

Bildnachweis: Agência Brasil / Wikimedia / CC-BY-3.0 Brasil

4 Comments

  1. Wer die Lügenmedien noch konsumiert, sollte das Gehirn eingeschaltet haben ! Panem et circensis war ja schon bei den Römern dazu da, das Volk zufrieden und dumm zu halten. Heute machen das die ÖR, Bild und Spiegel, Focus und Co.

  2. Nicht mal seine Meinung. Seine Vorurteile.

    (Oh, und rassistisches Geschrei ist noch kein „Übergriff“. Man hätte da eher das Wort „Vorfälle“ oder „Zwischenfälle“ oder so was erwartet.)

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